Basketballer zieht schräg Richtung Korb – dynamische Perspektive beim Spiel Dresden Titans gegen TV Langen, fotografiert von Daniel Madlung

Ich fotografiere gerne schräg. Eigentlich sogar ziemlich gerne. Gerade wenn ich Menschen fotografiere, die sich bewegen, arbeiten oder irgendwo unterwegs sind, passiert es bei mir relativ häufig, dass die Kamera nicht ganz gerade ausgerichtet ist. Das ist aber kein Zufall und schon gar kein Fehler. Ich mag diese Perspektive einfach, weil sie für mich Dynamik in ein Bild bringt. Wenn sich ein Mensch in eine bestimmte Richtung bewegt, dann kann ich diese Bewegung durch eine leichte Schräge noch verstärken. Für mich geht es dann beispielsweise bergauf, wenn jemand nach vorne läuft oder beim Basketball Richtung Korb geht. Wenn jemand stürzt oder sich nach unten bewegt, kann die Bildrichtung auch entsprechend nach unten gehen. Ich kann also über die Perspektive etwas von der Bewegung erzählen, obwohl das Bild selbst vielleicht komplett scharf ist und ich gar keine Bewegungsunschärfe eingesetzt habe.

Dynamik statt Stillstand

Gerade als Reportagefotograf in Dresden bin ich immer wieder in Situationen unterwegs, in denen genau diese Dynamik eine Rolle spielt. Ich begleite Menschen bei ihrer Arbeit, bin auf Messen und Kongressen, fotografiere Veranstaltungen, Auszeichnungen und Feierlichkeiten oder bin draußen unterwegs, beispielsweise im Wald. Als Dokumentationsfotograf möchte ich nicht nur zeigen, wer irgendwo steht, sondern was dort tatsächlich passiert. Menschen bewegen sich, arbeiten, reden miteinander, tragen Dinge, bücken sich, laufen irgendwohin oder konzentrieren sich auf eine bestimmte Tätigkeit. Und ich möchte solche Situationen nicht immer aus einer komplett statischen, gerade ausgerichteten Perspektive fotografieren. Wenn ich nah an einem Menschen dran bin, finde ich eine gerade Perspektive manchmal einfach langweilig. Sie hat für mich schnell etwas sehr Statisches. Ich möchte aber, dass man in meinen Bildern spürt, dass gerade etwas passiert.

Gerade Bilder sind genauso wichtig

Dabei ist mir allerdings genauso wichtig: Gerade ausgerichtete Bilder sind für mich genauso wichtig wie schräge Perspektiven. Ich fotografiere eben nicht alles schräg. Ganz im Gegenteil. Gerade bei Bildern, die einen Ort, eine Landschaft, einen Raum oder eine gesamte Situation zeigen sollen, ist die gerade Ausrichtung für mich enorm wichtig. Wenn ich beispielsweise als Fotograf in Dresden einen Gewerbehof fotografiere und dort mehrere LKW stehen, dann sehe ich keinen Grund, das Bild schräg zu stellen. Die Fahrzeuge stehen dort, der Hof ist die Umgebung und vielleicht möchte ich genau diese Struktur zeigen. Warum sollte ich dann künstlich eine Schräge hineinbringen? Das würde für mich keinen zusätzlichen Mehrwert schaffen.

Genauso ist es bei Immobilienfotos oder bei weitwinkligen Aufnahmen von Räumen. Wenn ich einen Raum zeigen möchte, soll der Betrachter auch verstehen können, wie dieser Raum aussieht und wie er aufgebaut ist. Dann möchte ich gerade Linien, eine klare Orientierung und eine saubere Perspektive. Gerade bei einem Weitwinkelbild geht es mir oft darum, den Kontext zu zeigen: Wo sind wir? Was befindet sich hier? Wie sieht die Umgebung aus? Wie bewegen sich die Menschen darin? Das Bild darf dann ruhig und gerade sein. Es muss nicht jedes Foto dynamisch sein, nur weil ich gerne dynamische Bilder mache.

Der Wechsel macht die Reportage

Interessant wird es für mich, wenn ich innerhalb einer Reportage zwischen diesen Perspektiven wechseln kann. Dann gibt es vielleicht ein weitwinkliges, gerade ausgerichtetes Bild, das den gesamten Ort zeigt. Danach gehe ich näher heran und fotografiere einen Menschen bei der Arbeit. Vielleicht nehme ich den Boden mit ins Bild, vielleicht fotografiere ich von unten, vielleicht von oben und vielleicht drehe ich die Kamera dabei ein Stück. Dann gibt es vielleicht noch ein Close-up von den Händen oder ein Detail und vielleicht irgendwann auch einmal ein Fischauge. Genau diese unterschiedlichen Perspektiven machen eine Reportage für mich interessant. Ich möchte nicht zwanzig Bilder fotografieren, die alle gleich aussehen.

Ich bewege mich dabei selbst genauso, wie sich die Situation bewegt. Wenn ich mir etwas anschaue, stehe ich schließlich auch nicht immer kerzengerade da und schaue exakt geradeaus. Ich neige den Kopf, gehe näher heran, schaue von oben oder unten und verändere meine Position. Und genau dieses Gefühl möchte ich teilweise auch in meinen Bildern haben. Die Kamera darf sich bewegen. Sie darf eine ungewöhnliche Perspektive einnehmen. Sie darf auch einmal deutlich schräg stehen. Aber eben nur dann, wenn diese Perspektive für das Bild auch etwas erzählt.

Wenn jemand beispielsweise ruhig auf einem Stuhl sitzt und ich ein Portrait von dieser Person mache, würde ich das wahrscheinlich eher gerade fotografieren. Die Person sitzt dort, bewegt sich nicht und die Situation ist ruhig. Da brauche ich keine zusätzliche Dynamik. Wenn dieselbe Person aber aufsteht, arbeitet, etwas trägt oder sich durch einen Raum bewegt, sieht die Sache schon ganz anders aus. Dann kann die Schräge plötzlich genau das richtige Stilmittel sein.

Kein Rezept, sondern ein Stilmittel

Und das ist eigentlich der Punkt: Für mich ist die schräge Perspektive kein Rezept und auch kein Selbstzweck. Ich möchte nicht, dass jemand meine Bilder sieht und denkt: „Ah, der Fotograf fotografiert immer schräg.“ Ich möchte vielmehr, dass die Schräge dort auftaucht, wo sie Sinn macht. Sie kann Bewegung verstärken, eine Richtung vorgeben, Spannung erzeugen oder den Betrachter näher an eine Situation heranholen. Die gerade Perspektive kann dagegen Ruhe schaffen, Orientierung geben und einen Ort oder einen Zusammenhang verständlich machen.

Deshalb brauche ich beides. Gerade und schräg. Weit und nah. Übersicht und Detail. Ruhe und Bewegung. Als Fotograf aus Dresden, der Menschen und Unternehmen in Reportagen und Dokumentationen begleitet, möchte ich nicht einfach nur möglichst viele unterschiedliche Bilder produzieren. Ich möchte mit den unterschiedlichen Perspektiven eine Geschichte erzählen. Ein Bild kann mir zeigen, wo ich bin, und das nächste kann mich mitten in das Geschehen hineinziehen.

Ich möchte mit meinen Bildern nicht einfach nur dokumentieren, dass etwas stattgefunden hat. Ich möchte zeigen, wie sich dieser Moment angefühlt hat. Und manchmal braucht es dafür ein ganz gerades, ruhiges Bild. Und manchmal eben eine richtig schöne Schräge.

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